Wie eine Kleinstadt ihren Marktplatz zurückerobert hat

September 26, 2026

Höxter, Ostwestfalen. 30.000 Einwohner, eine Altstadt mit mittelalterlichen Fachwerkhäusern und ein Problem, das Hunderte deutsche Städte kennen: das Kaufhaus schliesst, der Marktplatz verwaist, die Schaufenster bleiben dunkel.

Was war die Idee?

Als das Hertie-Kaufhaus am Marktplatz leerstand, tat die Stadt das, was viele Kommunen tun: sie suchte einen Investor. Sie fand die Fokus Development AG aus Duisburg, einen Projektentwickler, der sich auf Innenstadtlagen spezialisiert hat.

Der erste Schritt war klein: das alte Kaufhaus wurde zum «Markt1» umgebaut, mit einem Drogeriemarkt als Ankermieter. 8,5 Millionen Euro Investition, ein einzelnes Gebäude.

Aber dann passierte etwas, das den Unterschied machte: der Investor ging nicht weg. Statt nach dem ersten Projekt den Standort zu wechseln, schaute Fokus Development auf die andere Seite des Marktplatzes. Dort standen weitere Gebäude, die nicht mehr funktionierten. Und so wurde aus einer Einzelmassnahme ein Masterplan.

Was kam dabei raus?

Mehreren Bauabschnitte, über zehn Jahre lang:

  • 21,2 Millionen Euro Investitionsvolumen
  • Rund 6.300 Quadratmeter gewerbliche Mietfläche
  • 1.000 Quadratmeter Wohnfläche in zentralster Innenstadtlage
  • Eine Mischung aus Neubau und behutsamer Sanierung
  • Mieter von Thalia bis Deichmann, dazu Arztpraxen und Wohnungen

Die Jury der Initiative Stadtimpulse hat das Projekt 2026 als «Best Practice» ausgezeichnet. In der Begründung heisst es sinngemäss: entscheidend waren nicht die einzelnen Immobilien, sondern ihr Zusammenwirken.

Anna Funke, Prokuristin bei Fokus Development, hat es in der CIMA Deutschlandstudie 2026 so formuliert: Innenstadtentwicklung beginne selten mit einem Gebäude — sie beginne mit der Frage, was ein Ort brauche, um lebendig und zukunftsfähig zu bleiben.

Was können wir daraus mitnehmen?

Drei Dinge, die Höxter von anderen Projekten unterscheiden:

Bleiben statt gehen.

Der Investor hat nach dem ersten Projekt nicht den Standort gewechselt, sondern das nächste Problem auf dem gleichen Platz gelöst. Das ist ungewöhnlich und es erklärt, warum aus Einzelmassnahmen ein zusammenhängendes Quartier wurde.

Mischen statt spezialisieren.

Keine reine Einkaufsmeile, sondern Handel plus Wohnungen plus Arztpraxen. Die CIMA-Studie zeigt: genau diese Kopplungseffekte machen Innenstädte resilient. Wer zum Arzt geht, kauft danach ein. Wer dort wohnt, belebt den Platz auch abends.

Parallel öffentlich investieren.

Während Fokus Development die Gebäude entwickelte, hat die Stadt den Marktplatz umgestaltet. Diese Gleichzeitigkeit — privat und öffentlich, Gebäude und Platz, haben laut Fokus Development die positiven Wechselwirkungen erst möglich gemacht.

Wer macht es ähnlich?

Der Ansatz «ganzheitlich statt Einzelgebäude» findet sich auch in anderen Städten. Die Stadtimpulse-Datenbank (unsere-stadtimpulse.de) listet mittlerweile 150 zertifizierte Projekte, viele davon mit diesem Muster: nicht eine Immobilie retten, sondern ein Quartier denken.

In der CIMA-Studie wird ausserdem Lidl am Hermannplatz in Berlin genannt — ein Lebensmittelhändler, der in ein bestehendes Galeria-Kaufhaus integriert wurde. Anderer Massstab, gleiches Prinzip: Bestandsflächen nutzen, Frequenz erzeugen, Nachbarn profitieren lassen.

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*Quelle: CIMA Beratung + Management GmbH, cima.monitor 2026,  Fachkommentar Anna Funke, Fokus Development AG. Auszeichnung Stadtimpulse 2026. Berichterstattung Westfalen-Blatt, Juni/Juli 2026.*
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